Heisse Kartoffel
Verfasst von genfood am 27. Juli 2008
Ein Erdapfel wird zum Zankapfel: Seit zwölf Jahren kämpft die BASF für ein Genprodukt. Ganz ungefährlich, sagt der Chemieriese, kein Risiko. In zahllosen Studien bewiesen. Die EU bezweifelt das und verweigert immer noch die Zulassung. Wer hat recht?
Der verzweifelte Gigant. Stammwerk der BASF in Ludwigshafen, die größte Chemiefabrik der Welt. – Foto: vario images
26.7.2008 0:00 Uhr
Über dem Maschendraht sind vier Lagen Stacheldraht gespannt, dahinter kämpfen sich in Reihen gentechnisch veränderte Kartoffeln ans Licht. Die Sorte Amflora, „Am“ für die Stärke Amylopektin, „flora“, die Blume. BASF Plant Science in Limburgerhof ist mit seinen Feldern, Labors, Büros und Gewächshäusern ein Hort der Sicherheit.
Um diese Kartoffel, die man nicht essen soll, die als Industriekartoffel gilt und die vor knapp 20 Jahren in Schweden zur Produktion von Stärke erfunden wurde, ist ein Streit entbrannt, wie ihn Europa noch nicht gesehen hat. Vorgestern hat die BASF Plant Science, Inhaberin des Patents, die EU-Kommission wegen Untätigkeit verklagt, weil die Kartoffel noch immer hinter Gittern wurzeln muss – statt, wie seit zwölf Jahren beantragt, kommerziell in großem Stile angebaut zu werden. Die BASF kämpft jetzt mit allen Mitteln. Schon im April hatte sie in großen deutschen Zeitungen ganzseitig einen offenen Brief an den zuständigen EU-Kommissar veröffentlicht. Darin stand, „dass Amflora genauso sicher ist wie jede konventionelle Kartoffel“.
Das war seltsam. Der offene Brief ist das Mittel der Übervorteilten, die Sprache derer, die keine andere Möglichkeit mehr sehen. Der Brief sollte eine Drohgebärde sein, aber er klang zugleich verzweifelt; so, als handelte es sich bei der BASF nicht etwa um die größte Chemiefirma der Welt, nicht um einen potenten Konzern mit professioneller Lobbyarbeit, die Kanäle zur Regierung intakt. Die Firma, die ihre Anliegen sonst am liebsten diskret regelt, suchte plötzlich die Öffentlichkeit. Warum schien ihr das nötig? Worin bestand die Verzweiflung? Und kann eine Kartoffel „sicher“ sein?
Susanne Benner trägt eine ziemlich naturbelassene Leinenkombi, sie ist zuständig für die Presse bei der Abteilung „Plant Science“ und so empört, wie es ihr Amt noch zulässt. Denn statt in diesem Jahr endlich den lizenzträchtigen Anbau einzuläuten, musste die BASF etwa 1500 Tonnen Kartoffeln dampferhitzen und so keimunfähig machen. Inzwischen ist überhaupt nicht mehr absehbar, ob die Kartoffel jemals zugelassen wird. Auf der letzten Hauptversammlung wollte ein Aktionär endlich einmal einen Kartoffelsalat mit „Amflora“ serviert bekommen, aber das war ganz undenkbar. Es wäre ein illegales Inverkehrbringen gewesen. Susanne Benner erscheint es wie eine Posse, dass ihr Antrag zuletzt im Mai sogar noch einmal an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, zurückgegeben wurde, die noch einmal prüfen soll, was sie doch schon einmal anerkannt habe: die Sicherheit der Kartoffel. „Wir vermuten, die spielen auf Zeit.“
Ein Chemieriese, auch der Vizepräsident von „Plant Science“, faltet er seine knappen zwei Meter in einem kleinen Konferenzraum an den Tisch. Er ist zuständig für „Governmental Relations“, also an anderen Tagen damit beschäftigt, die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten in seinem Sinne zu bereden. Er hat den prüfenden Blick der Menschen, die gewohnt sind, die Welt in Freunde und Feinde zu unterteilen. Er muss ein guter Lobbyist sein, und er heißt auch noch Schmidt. Ralf-Michael Schmidt.
„Die Amflora ist so sicher wie eine herkömmliche Kartoffel“, sagt Schmidt.
Was ist also eine sichere Kartoffel?
„Eine Kartoffel, von der für Mensch und Umwelt keine Gefahr ausgeht.“
Und wie kann man das garantieren?
„Es wurden molekularbiologische, biochemische, agronomische Untersuchungen und Fütterungsstudien durchgeführt. Bei allen Studien wurden anerkannte Standards, wie zum Beispiel OECD-Standards eingehalten.“
Sie könnten jetzt zum Beispiel sagen, wir haben im Winter 1999 32 jungen Färsen der Rasse „Swedish Friesian Breed“ zwei Mal am Tag die Kartoffelreste unserer Amflora zu fressen gegeben, und nur zwei von ihnen wollten nicht fressen. Aber nein, das sagen sie nicht. Sie könnten sagen, dass sie 90 Tage lang eine Amflora-Diät an Ratten verfüttert und dann ihr Gewicht gemessen haben. Sie könnten die Details ihrer jahrelangen Anstrengungen darlegen, wie sie auf alle Nachfragen der Behörden und Zweifler immer eine Antwort gefunden haben.
Anfang der Neunziger entwickelten schwedische Landwirte und die schwedische Stärkeindustrie ein Ideal, erzählt Schmidt: Wenn man nur eine Kartoffel hätte, die allein die Sorte Stärke produziert, die man für die industrielle Verarbeitung braucht! Jahre bevor in Schottland das erste geklonte Schaf aus seinem Mutterschaf in die Welt rutschte, schnitten Wissenschaftler in Schweden die Blätter einer Kartoffelpflanze der Sorte „Prevalent“ an. Sie trugen auf die Schnittstellen ein Agrobakterium auf und unterdrückten ein Gen, was dazu führte, dass die Kartoffel statt zweier verschiedener Sorten Stärke nur noch eine produzierte. Nämlich die Sorte Amylopektin, interessant für die industrielle Produktion von Papierbeschichtung, Garnen und Klebern. Die schwedische Firma Amylogene HB, die später von der BASF geschluckt werden sollte, meldete Patente an auf den Klon EH92-527-1.
Der Markt für Stärke in Europa ist erheblich, die Zahl der Akteure überschaubar und der Gewinn deshalb berechenbar. In Deutschland produzieren nur acht Unternehmen in 14 Fabriken nach dem Prinzip der Nassmüllerei mit 2200 Angestellten Stärke. Die BASF würde die Knollen an die Stärkefabriken verkaufen, die würden sie ihrerseits an die Vertragsbauern ausgeben. Bis zu 30 Millionen Euro Lizenzgebühren im Jahr verspricht sich die Firma als Ertrag. Doch das ist nur ein Vorteil.
Die eigentliche und viel wichtigere Aufgabe der Kartoffel ist, den zehn Jahre dauernden Damm zu brechen: Seit 1998 ist in Europa kein genverändertes Produkt mehr zum Anbau zugelassen worden. Hier war nun eines, das geringen Widerstand erwarten ließ: ein reines Industrieprodukt, niemand würde es essen müssen. Es würde die neue EU-Zulassungsbehörde sanft an das Zulassen gewöhnen. Wäre der Pionier erst einmal durch, könnte die EU auch genehmigen, woran in den Laboren zwei Stockwerke tiefer noch gebastelt wird: die kommende Generation patentierter Pflanzen. Raps, dem man Omega-3-Fettsäuren verliehen hat, und Kartoffelpflanzen, die resistent gegen die Kartoffelfäule sind.
In den Unternehmenszweig Plant Science fließen Millionen. Es geht darum, worum es immer geht: um Marktanteile, Wettbewerbsfähigkeit, international, am Ende auch um Arbeitsplätze.
Schmidts Finger spielen mit zwei transparenten Döschen Kartoffelstärke, in einem ist eine zähe, klare Flüssigkeit, das Amylopektin, die gute, die erwünschte Stärke, wie sie die Amflora jetzt ausschließlich produziert. Die andere zähe Flüssigkeit ist milchig trübe, die unerwünschte Amylose, die sie der Amflora zu produzieren ausgetrieben haben.
Nachdem das Schaf Dolly die Welt in einige Begeisterte und noch mehr Entsetzte gespalten hatte, hatten sie der öffentlichen Diskussion ein paar Jahre gegeben. Dann sei das Thema Gentechnik „durch“. Doch so ist es nicht gekommen.
Die Welt hatte BSE-Rinder in Haufen brennen sehen, sie hat Angst vor der Vogelgrippe bekommen, die Diskussion um das Klima erhitzte sich, und die einseitige Landwirtschaft, die man jahrelang gefördert hatte, hatte offenbar Hungersnöte mitverursacht. Der Mensch misstraute sich selbst. War nicht alles eine Folge seines selbstherrlichen Umgangs mit der Natur? Die Nachfrage nach Bio-Produkten übersteigt das Angebot. Susanne Benner musste sich, als sie zur Pflanzensparte der BASF wechselte, vor ihren Freunden rechtfertigen. In ihren Verantwortungsbereich fiel der Erdapfel, der längst zum Zankapfel geworden war.
Er hatte schon viele Jahre unter Aufsicht in Labors und später Freilandversuche in Schweden, Holland und Deutschland hinter sich. Er brach von 1993 bis 2001 unter anderem in Teckomatorp, Sunderbyn und Häljarp, in Fjälkinge, Händene und Skepparslöv aus der Erde. Er kam ab 2004 hektarweise in Gatersleben, Möttingen und Lohmen, in Sanitz, Werpeloh und Hohenmocker ans Licht. Er war längst ein Europäer. Er keimte in Reihen und immer im Vergleich zur Ursprungssorte „Prevalent“. Es beruhigte die Wissenschaftler, dass seine Blätter und Knollen genauso aussahen wie diese.
Der Antrag war bei der zuständigen Behörde EFSA inzwischen mit Nachträgen und Annexes auf ein enormes, bald tausendseitiges Dossier angewachsen. Es beunruhigte die Wissenschaftler, dass das verwendete Markergen resistent ist gegen die Antibiotika Kanamycin und Neomycin. Kanamycin wird zwar in der Medizin wenig verwendet, man hält es aber in Reserve, falls andere Mittel gegen multiresistente Tuberkulose nicht mehr wirken. Man setzt eigentlich alles daran, dass von den Reservestoffen nicht noch mehr in die Umwelt gelangen.
„Dieses Gen stammt aus Bakterien, die im Boden vorkommen“, sagt Susanne Benner. Es fuchst sie, dass alle immer über die Sicherheit diskutieren und über nichts anderes reden wollen. „Dabei wurde die Sicherheit doch längst bewiesen und von der EFSA mehrfach bestätigt.“ Genkritiker halten allerdings die ganze Behörde EFSA, die bislang so positiv geurteilt hat, für eine sehr industrienahe Institution.
Susanne Benner würde jetzt gerne allgemeiner bleiben. Sie schwärmt von der Präzision der Gentechnik, und dass es eigentlich viel unverantwortlicher sei, in einer klassischen Züchtung alle Gene unkontrolliert aufeinander loszulassen. Sie hält die Landwirtschaft in Deutschland für romantisiert. „Die Gentechnik kann einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers leisten“, sagt sie, obwohl es bei der Amflora ja um ein Industrieprodukt geht. Sie versuchen schon lange, als Teil der Lösung wahrgenommen zu werden. Mit der Saatgutfirma Monsanto sind sie eine Kooperation eingegangen zur Steigerung der Erträge. Ein unschlagbares Argument, findet sie. Wenn die Landwirte ihre Erträge erst einmal steigern können, möchten sie die Gegenargumente mal sehen. „Biodiversität ist wichtig – wir lernen ja von der Natur“, sagt Schmidt. Denn natürlich kennt er die Vorwürfe: sobald biologische Vielfalt auf betriebswirtschaftliche Einfalt trifft, würden nur noch profitbringende Sorten aus dem Sortiment der Konzerne gefördet. „Fundamentale Gengegner kann man nicht zu Befürwortern machen“, sagt Benner bedauernd. „Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen für die Sicherheit von Amflora“, sagt Schmidt. Das haben sie in ihrem offenen Brief auch fett gedruckt.
Und in diesem Zimmer in Limburgerhof entsteht jetzt der Eindruck, als gäbe es auf der einen Seite die Wissenschaft, einen geeinten Körper, so klar wie reines Amylopektin, die zweckdienliche Sorte Stärke. Es ist die Welt, in der keine Zweifel bestehen. Eine Wissenschaft, die schon deshalb geringe Risiken birgt, weil ihre Methoden unbestechlich sind. Weil sie misst und nicht bewertet. Hier zieht sich der Mensch eine Schutzbrille auf und wäscht sich nach getaner Arbeit die Hände. Und dann, so klingt es an hier, ist da die laienhafte Sicht, in der der Glaube herrscht, genährt von diffusen Ängsten. Alle Zweifel gehören zu dieser Sphäre, sie ist so trüb wie die Amylose auf dem Tisch, die unbrauchbare Sorte Stärke.
Wer hat nun recht? Im Grunde bleibt ja alles so lange eine Behauptung, wie alle immer wieder ihre Schlussfolgerungen, aber nicht die Grundlagen dieser Schlussfolgerungen nennen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man bei Kenntnis der Grundlagen zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen kann.
Und deshalb muss man schließlich doch hinunter in das verästelte Dossier, bis in die Details der Versuche, der Nachfragen der Behörde, der Antworten der BASF, der Einwände der Institutionen. Vielleicht stimmt es, dass diese Seiten von aneinandergereihten DNA-Sequenzen den wenigsten etwas sagen. Aber eines zeigen sie doch: dass auch die wissenschaftliche Gemeinde zweifelt. Man kann sehen, dass selbst Deutschland, Heimatland des Antragstellers und bei der EU für eine Zulassung stimmend, uneins ist. Dass die Einwände von Wissenschaftlern kommen. Dass sie fürchten, dass eine 90-tägige Fütterungsstudie als sogenannter Langzeitversuch an wenigen Rattenexemplaren nicht ausreicht, dass die Fütterung an 32 Kälbern nicht repräsentativ ist, dass alles zusammen keine Voraussage rechtfertigt. Malta wundert sich darüber, dass vier Ratten Zysten entwickelten. Die EFSA beurteilt das als natürliche Varianz. Das Bundesamt für Naturschutz sorgt sich um das Markergen.
Und wie kann ein Bauer eigentlich garantieren, dass er auf seinem Feld alle Amflora-Kartoffeln wieder beseitigen kann? „Es ist normal, dass bei der Ernte Kartoffeln auf dem Feld verbleiben“, sagt die BASF. Sie würden vom Frost zerstört. Doch immer überleben einige, und dabei sind die Winter noch nicht mal so milde, wie sie mal werden. Vielleicht ist es gar nicht möglich, trotz ausgeklügelter Transportsysteme, die Kartoffeln auf Dauer von anderen getrennt zu halten. Unmöglich zu garantieren, dass sie nicht doch über kurz oder lang in die menschliche Nahrungskette gelangen. Und weil die BASF das auch ahnt, hat sie zur Sicherheit – auch zu ihrer eigenen – noch eine Genehmigung als Lebens- und Futtermittel beantragt. In der Gentechnik werden die Antworten umso schwieriger, je einfacher die Fragen werden.
Und hier unten bei den schnöden Details keimt der Verdacht, dass Messen und Ermessen, Wert und Wertung ganz nah beieinander liegen, ja dass sie gar nicht zu trennen sind. Dass jedes wissenschaftliche Ergebnis eine Schlussfolgerung braucht, sonst ist es kein Ergebnis, sondern nur eine Datensammlung. Die Trennlinie zwischen Glauben und Wissen gibt es nicht. Am Ende glaubt auch die BASF.
Vorsorglich hat die Firma schon einmal verkündet, dass sie keine rein europäischen Projekte der grünen Gentechnik mehr durchführen will. Sie wollen ihre Forschung in die USA und nach Asien verlagern. Über 70 Prozent der Deutschen wollen keine Genprodukte.
Die Welt hat sich verändert. Aber Klon Event EH92-527-1 ist immer noch derselbe. Am 20. Dezember 2010 läuft sein Patent aus.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 26.07.2008)
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