»Jeder einzelne Quadratmeter birgt Gefahren«
Verfasst von genfood am 23. Juni 2008
Initiative gegen Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft setzt auf öffentliche Aktionen. Ein Gespräch mit Michael Grolm
Interview: Ralf Wurzbacher
Der Agraringenieur und Berufsimker Michael Grolm ist Sprecher der Initiative »Gendreck Weg! Freiwillige Feldbefreiung«
Ihre Initiative ruft zu einem »gentechnikfreien Wochenende« vom 26. bis 29. Juni in Kitzingen im Raum Würzburg auf. Was ist konkret geplant?
Los geht es eigentlich schon am Mittwoch in Strasbourg. Vom Europaparlament startet am Morgen ein Konvoi von Traktoren unter dem Motto »Trek for Nature – Gentechnik nein danke« eine 300 Kilometer lange Demonstration nach Westheim bei Kitzingen. Unterwegs legt der »Trek« Zwischenstopps ein, zum Beispiel in Rheinstetten, Kirchheim am Neckar und Schwäbisch Hall, wo Kundgebungen, Kultur- und Diskussionsveranstaltungen geplant sind. Die Fahrt endet am Samstag in Kitzingen. Dort wird ein Camp aufgeschlagen, auf dem das ganze Wochenende über ein buntes und informatives Programm geboten wird. Den Höhepunkt bildet am Sonntag eine freiwillige Feldbefreiung, zu der sich im Internet bereits über 550 Menschen angekündigt haben.
Wie läuft eine Feldbefreiung ab?
Die Bewegung entstand vor vier Jahren auf Initiative von Bauern, Imkern und Gärtnern und umfaßt heute die ganze Breite der Zivilgesellschaft. Wir kündigen im Vorfeld unserer Aktionen öffentlich an, wann und wo wir gentechnisch veränderte Pflanzen unschädlich machen wollen. Das geschieht am hellichten Tag, am Besten noch im Beisein von Medienvertretern und in vollem Bewußtsein, womöglich juristisch dafür belangt zu werden. In der Regel handelt man sich eine Strafe von zehn Tagessätzen ein, die aber in keinem Verhältnis zu dem Übel steht, das die Agrogentechnik anrichtet. Die Prozesse selbst nutzen wir wiederum als Plattform, um die Öffentlichkeit zu erreichen.
Über welches Feld fallen Sie in Kitzingen ein?
Im Raum Würzburg waren bis vor kurzem noch 120 Hektar Genmais angemeldet. Wegen des Widerstands der Bevölkerung wurde schließlich aber nur auf einem Zehntel der Fläche ausgesät. Doch jeder einzelne Quadratmeter birgt Gefahren, weil angrenzende Felder durch Pollenflug verseucht werden können. Denn: Koexistenz ist K.o.-Existenz. Deshalb werden wir die Pflanzen herausreißen und durch 1000 kleine naturbelassene Bantam-Maispflanzen ersetzen. Das ist ein positives Zeichen für bessere Bedingungen in der Landwirtschaft und eine gentechnikfreie Zukunft auf Äckern und Tellern.
Wie erfolgreich sind derlei Aktionen?
Der Widerstand gegen die Agrogentechnik ist stärker denn je – 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland lehnen sie ab. Allein im April hatte es auf sieben Feldern in Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern Besetzungen gegeben. In mehreren Fällen konnten damit Genmaisversuche gestoppt werden. Mittlerweile sind bundesweit eine Million Hektar als gentechnikfreie Regionen vor dem Anbau von Genpflanzen geschützt. Auch die Münchner Landesregierung macht sich derzeit Gedanken über ein gentechnikfreies Bayern,. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) eiert in der Frage allerdings immer noch herum.
Heißt das, die Agrogentechnik, befindet sich eigentlich schon wieder auf dem Rückzug?
In Deutschland sind momentan rund 3000 Hektar Anbaufläche mit Genmais bepflanzt, dazu gibt es noch diverse Freisetzungsversuche. Das ist verschwindend wenig gemessen an den Zielen der Agrogenindustrie. Inzwischen haben bundesweit 30000 Bauern erklärt, keine Gentechnik anzubauen, während vielleicht 70 Agrarunternehmen auf Gentechnik setzen. Dennoch besteht kein Grund zur Entwarnung. Die Bundesrepublik ist neben Spanien das einzige Land Europas, das den Anbau des Genmaises Mon810 von Monsanto erlaubt. Außerdem werden nach wie vor gewaltige Fördersummen in die Forschung gepumpt.
Inwiefern ist die Agrogentechnik weltweit auf dem Vormarsch?
Es gibt eigentlich nur fünf Länder, die offiziell in großem Stil anbauen. Vor allem ärmeren Ländern wird die Technik aufgezwungen. In Brasi lien wurde illegal ausgesät, in Afrika wird der Anbau an die Gewährung der AIDS-Hilfe gekoppelt. Und immer wird behauptet, die Gentechnik könne dem Hunger ein Ende setzen. Das ist übelste Propaganda: Wenn mit der Verbreitung der Agrogentechnik die Sortenvielfalt verlorengeht, droht im Gegenteil noch mehr Hunger in der Welt.
gefunden bei: Junge Welt





Der Agraringenieur und Berufsimker Michael Grolm ist Sprecher der Initiative »Gendreck Weg! Freiwillige Feldbefreiung«