Landwirt Percy Schmeiser (Kanada) berichtet über die Landwirtschaft mit gentechnisch veränderten Pflanzen
Trotz des lauen Frühsommerabends strömten am Samstagabend die Besucher ins Heidenheimer Konzerthaus. Das Thema Gentechnik in der Landwirtschaft stieß auf großes Interesse, und viele waren gekommen, um sich die Erfahrungen des kanadischen Landwirts Percy Schmeiser anzuhören. Eingeladen hatte das Aktionsbündnis „Gentechnikfreie Anbauregion Kreis Heidenheim“.
Landrat Hermann Mader, der das Ansinnen des Aktionsbündnisses unterstützt, war persönlich zum Vortrag des Trägers des Alternativen Nobelpreises 2007 gekommen, Oberbürgermeister Bernhard Ilg hatte Schmeiser zuvor im Rathaus empfangen, wo der Gast sich in das goldene Buch der Stadt Heidenheim eintrug.
Von den eingeladenen Abgeordneten, die in den überregionalen Parlamenten mit dem Thema konfrontiert werden könnten, sei keiner gekommen, bedauerte Landwirt und För-Vorstandsmitglied Hans-Peter Mack aus Sontheim/Stubental. Dafür war das Interesse der anwesenden Zuhörer groß, sich bereits vor oder nach dem Vortrag in die Unterschriftenlisten für die gentechnikfreie Anbauregion Kreis Heidenheim einzutragen.
Percy Schmeiser, der von Walter Haefeker vom Verband europäischer Berufsimker übersetzt wurde, appellierte an die Bürger in Europa: „Ich bin nicht gekommen, um Ihnen zu sagen, was Sie tun sollen. Ich bin gekommen, um Ihnen von unseren Erfahrungen zu berichten. Wir hatten niemand, der uns gewarnt hat, aber Sie können nicht sagen, dass Sie nicht wussten, was passieren wird, wenn Sie den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zulassen.“
In Kanada und den USA werden seit 1996 gentechnisch veränderte Pflanzen – Mais, Soja, Raps und Baumwolle – angebaut. Diese wurden hauptsächlich vom multinationalen Konzern Monsanto entwickelt und an die Landwirte verkauft. Der heute 77-jährige Schmeiser baute auf konventionelle Weise Raps an. 1998 verklagte der Konzern Monsanto Schmeiser, weil er gentechnisch verändertes Saatgut ohne Genehmigung der Firma verwendet haben sollte. „Es gab keine Beweise dafür, dass ich jemals gentechnisch verändertes Saatgut verwendet habe“, erzählte Schmeiser. Jedoch fanden sich die veränderten Gene durch Auskreuzung auch auf Schmeisers Feldern.
In erster Instanz gab das Gericht Monsanto in vollem Umfang Recht: Saatgut und Pflanzen und damit auch Schmeisers Gewinn aus der Rapsernte von 1998 wurden dem Konzern zugesprochen.
Schmeiser ging zweimal in Revision, schließlich landete der Fall vor dem Obersten Gerichtshof Kanadas. Dort, so berichtete Schmeiser, konnte er auch noch andere Themen in die Verhandlung einbringen: Können lebende Organismen – Saatgut, Pflanzen, Tiere, Organe – von einem Konzern besessen werden? Können Landwirte das Recht behalten, ihr eigenes Saatgut anzubauen? Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs fiel zwar zugunsten von Schmeiser aus, der nichts bezahlen musste, da er laut Gerichtsurteil keinen Vorteil aus der Verunreinigung seines Rapses zog. Jedoch bestätigte das Gericht das Patentrecht von Monsanto auf das veränderte Gen. Dies bedeutet, dass alle Lebewesen, in denen das Gen nachgewiesen werden kann, dem Konzern gehören.
Schmeiser gelang es jedoch, den vermeintlichen Sieg für Monsanto umzukehren: Als 2005 wieder verunreinigter Raps auf seinen Äckern wuchs, machte er den Konzern für die Entfernung des Saatgutes verantwortlich. „Wer eine Lebensform freisetzt, die ihm gehört, muss auch dafür verantwortlich sein, was diese für Schäden anrichtet“, argumentierte Schmeiser. Wer es unmöglich mache, gentechnikfreie Lebensmittel herzustellen, müsse dafür haften, meint der Kanadier.
Schmeiser verklagte Monsanto auf die Rückerstattung der Kosten für die Entfernung der Monsanto-Pflanzen aus seinen Feldern. Der Konzern einigte sich außergerichtlich mit ihm. „Das war nicht nur ein Erfolg für uns, sondern für die Landwirte auf der ganzen Welt“, so Schmeiser. Bereits jetzt gebe es in Kanada Bio-Landwirte, die Monsanto verklagen.
Der Freiland-Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen habe immense Folgen: „Es gibt kein gentechnikfreies Rapssaatgut mehr in Kanada“, sagte Schmeiser. Zudem kreuze sich das Gen auch in artverwandte Pflanzen, etwa Rettich, Blumenkohl oder wilden Senf aus.
Es gibt keine Ko-Existenz zwischen Gentechnik und konventionellem Anbau“, so Schmeiser. Die Verbreitung des veränderten Saatgutes könne nicht kontrolliert werden. Abstandsstreifen seien völlig sinnlos: „Der Pollen wird nicht nur vom Wind weitergetragen, sondern auch von Vögeln und Wild verschleppt“, berichtete er. Den Konzernen gehe es nur darum, die Kontrolle über das Saatgut zu gewinnen.
Zudem sei ein Superunkraut entstanden, das nur mit einem Superunkrautvernichtungsmittel aus dem Weg geschafft werden könne. Hersteller des Spritzmittels: Monsanto, Wirkstoff laut Percy Schmeiser zu 70 Prozent „Agent Orange“, ein Entlaubungsmittel, das die USA im Vietnamkrieg großflächig und mit katastrophalen gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung angewendet hatten. Hersteller des Gifts: Monsanto.
Den „größten Angriff auf das Leben unseres Planeten, den wir je gesehen haben“, nannte Schmeiser die Entwicklung des sogenannten „Terminator-Gens“. Dieses mache die Samen von Pflanzen steril, so dass die Pflanze nicht mehr ohne den Einkauf von Saatgut angebaut werden kann. „Auch dieses Gen kann sich in artverwandte Wildpflanzen auskreuzen, die dann auch steril werden.“
Für seine aufrüttelnden Worte wurde er vom Publikum mit stehenden Ovationen bedacht.





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