Bei der Frage, wie die wachsende Menschheit künftig satt werden soll, sieht sich die Gentech-Industrie als Problemlöser
Mit neuen Argumenten und einer Prise Dialektik bringt sie sich in Stellung.
Wien – Andreas Thierfelder, Sprecher des Gentech-Konzerns Monsanto Agrar Deutschland, ist derzeit in Iowa, USA, unterwegs. Hier werden gerade die Farmer geschult, erzählt er am Telefon. Neue, gentechnisch veränderte Maissorten stehen an, die für Agrarsprit-Produktion besser geeignet seien, weil bei ihnen die "Stärke-Merkmale besser herausgeholt wurden".
Der Monsanto-Manager spricht nicht über Ertragssteigerungen, nicht mehr. Es war dies eines der großen Verheißungen der Gentech-Industrie der Vergangenheit. Der Argumentationswandel hat seinen Grund, wie Steffen Nichtenberger von Greenpeace anhand einer Drei-Jahres-Studie der Universität von Kansas betont. Diese hat ergeben, dass es beim Anbau von Gentech-Soja gegenüber konventionellem Soja-Saatgut zehn Prozent weniger Ertrag gab. "Damit ist das von der Gentech-Lobby gern missbrauchte Argument, gentechnisch verändertes Saatgut könne den Welthunger bekämpfen, widerlegt."
Tatsächlich betonen Vertreter von Industrie und Forschung neuerdings gerne den Terminus "Nachhaltigkeit": Diese auszuweiten – etwa, indem Saatgut gentechnisch gezielt so verändert wird, dass es weniger Wasser braucht – sei einer der Faktoren, mit der die Landwirtschaft effizienter, nachhaltiger werden könne. "Die Herausforderung in der Zukunft wird sein, mit einer etwa gleichbleibenden agrarisch genutzten Fläche eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren", sagt Thierfelder.
Auch das Hauptmerkmal von derzeit verwendetem GVO-Saatgut – Resistenz gegen Schädlinge – sei als "nachhaltig" zu werten. "Die US-Bauern sparen sich jährlich 20.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel bei gentechnisch verändertem Mais, Soja, Raps, Baumwolle." Die Diskussion in Europa bezeichnet Thierfelder als irrational und voll von ideologischen Vorstellungen. Da würden Ängste geschürt, um wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu entkräften. "Dass es ein Sicherheitsrisiko gibt, ist längst widerlegt."
In Österreich ticken die Uhren anders
Eine schlagkräftige EU-Nahrungsmittelbehörde, die genug Finanzmittel hat, um Industrie-Vorlagen gegebenenfalls Paroli bieten zu können – das wäre auch im Interesse von Monsanto. In Österreich, wo Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky auf EU-Geheiß das GVO-Importverbot (im Wesentlichen auf Saatgut) aufheben muss und stattdessen ein GVO-Anbauverbot gesetzlich verankern will, ticken die Uhren anders. "Es hat hierzulande gar keinen Sinn, in Richtung GVO-Produkte zu forschen, sagt der Biotechnologe Georg Haberhauer von den Austrian Research Centers. "Es gibt in Europa und in Österreich ganz besonders keinen Markt für Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Grundstoffen."
Was stattdessen mehr und mehr kommt, und worauf die Seibersdorfer auch setzen, nennt sich "Smart Breeding Technologien". Dabei wird Gentechnologie als Werkzeug begriffen, und dafür gebe es in Österreich auch die nötige Akzeptanz, ist sich Haberhauer jedenfalls sicher. Smart Breeding: Natürliche genetischen Informationen oder zufällige Veränderungen und Variationen, die eine gesuchte Eigenschaft haben, werden dabei mit molekular-biologischen Methoden ausgelesen. Auf diese Eigenschaften wird dann züchterisch gesetzt – ohne Gentechnik-Eingriffe.
Haberhauer spricht davon, dass damit der herkömmliche langwierige Züchtungsprozess beschleunigt werden kann, ja, es komme zu einer "Industrialisierung bei der Züchtung". Für die Fichte wird so etwas derzeit in Seibersdorf gemacht. "Die Fichte muss ja wegen der prognostizierten Temperaturanstiege im Zuge des Klimawandels stressresistenter gegen Hitze werden". Die Agrarsprit-Diskussion, und ob die grüne Gentechnik bei der Verspritung von Pflanzen tolerabel sei, "stellt sich mit Smart Breeding erst gar nicht".
(Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11./12.5.200





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