Kirchberg an der Murr/Erdmannhausen – Die Initiative gegen Gentechnik warnte bei einer Podiumsdiskussion vor den Gefahren, die von genmanipuliertem Saatgut ausgehen. F. William Engdahl, Autor des Buches Saat der Zerstörung und einer der Referenten, sprach gar vom größten gefährlichen Massenexperiment an der Menschheit.
VON MATTHIAS NOTHSTEIN
Mehrere Hundert Landwirte und Verbraucher waren am Montagabend in die Halle auf der Schrey nach Erdmannhausen gekommen, um an der Informationsveranstaltung teilzunehmen. Was sie hörten, stimmte sie nachdenklich. So schilderte Engdahl zum Beispiel, wie nur eine Hand voll global agierender Großkonzerne wie Monsanto, Cargill, Dow oder DuPont dabei ist, mittels genmanipulierten Saatguts wesentliche Teile der weltweiten Nahrungsmittelversorgung in ihre Hände zu bekommen. Diese Firmen haben exklusive Patente auf Saatgut, ohne das kein Bauer säen kann. Zudem lässt zum Beispiel das Terminator-Saatgut nur eine Fruchtfolge zu, danach sind die Samen als Saatgut nicht wieder zu verwenden. Das bedeutet: Das Saatgut muss jedes Jahr neu erworben werden.
Engdahl versuchte an mehreren Beispielen, die dunklen Seiten der Macht aufzuzeigen und zitierte Henry Kissinger, der in den 1970er-Jahren unter dem Eindruck der ersten Öl- und Lebensmittelkrise bereits sagte: „Wer das Öl kontrolliert, ist in der Lage, ganze Nationen zu kontrollieren; wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen.“ Der amerikanische Autor zeigte die Verstrickungen auf und dokumentierte, dass die Rockefeller-Stiftung der treibende Motor hinter dieser unheilvollen Entwicklung ist. Zusammen mit privaten Forschungsinstituten und „in Mittäterschaft der US-Regierung“ versuche eine kleine, mächtige Elite, Gott zu spielen. Und das mit erschreckenden Folgen für die Menschheit, ist sich Engdahl sicher.
Beispiel Irak: Als US-Truppen 2003 im Irak einmarschierten, sagte George W. Bush: „Der Grund, weshalb wir im Irak stehen, ist, den Samen der Demokratie so auszusäen, dass er dort gedeiht und sich über die ganze Region autoritärer Regime ausbreitet.“ Nun spottete Engdahl in Erdmannhausen: „Nur wenige haben damals daran gedacht, dass er das Saatgut von Monsanto, den Weltmarktführer von genmanipuliertem Saatgut meinte.“ Tatsächlich jedoch bereitete Bushs Statthalter Paul Bremer den Boden für eine seltsame Saat vor. Er erließ 100 neue Gesetze, um so einen neuen freien Markt zu schaffen. Eines davon beinhaltete das Pflanzenartengesetz, mit dem den irakischen Bauern das genmanipulierte Saatgut aufgezwungen wurde. So waren zum Beispiel nur noch sechs Sorten Weizen erlaubt. Drei Sorten davon wurden von den Bauern eingesetzt, um Weizen für die Teigwarenproduktion zu erzeugen. Aber Nudeln sind laut Engdahl im Irak ein völlig fremdes Nahrungsmittel, also waren 50 Prozent der Produktion offensichtlich für den Export bestimmt, gleichzeitig hungern im einst fruchtbaren Zweistromland viele Tausend Menschen.
Beispiel Argentinien: Um die Schuldenkrise der 1980er-Jahre zu meistern, ordnete Bush-Freund Präsident Carlos Menem die radikale Privatisierung des Staatsbesitzes und die Liberalisierung der Wirtschaft an. Ausländische Großkonzerne kauften einen Großteil des Ackerlandes auf, vertrieben die Kleinbauern und säten genmanipuliertes Monsanto-Soja aus. Mit dem Erlös sollten die Schulden zurückbezahlt werden. Während in den 70er-Jahren Soja in Argentinien keine Rolle spielte, wird das Futtermittel heute auf 48 Prozent der Ackerfläche auf Monokulturen angebaut. Dünger und Herbizide sorgen dafür, dass voraussichtlich in 50 Jahren nichts mehr auf dem Boden wächst. Seit wenigen Jahren muss Milch aus Uruguay eingeführt werden, die Bevölkerung ist unterernährt, verarmt und vertrieben. Große Waldflächen werden für immer neue Soja-Anbaugebiete gerodet.
Die Tübinger Diplom-Biologin Heike Solweig-Bleuel betonte den Unterschied zwischen roter und grüner Gentechnik. Bei roter Gentechnik wird in einem abgeschlossenen System unter Laborbedingungen geforscht und die Ergebnisse beispielsweise für die Entwicklung neuer Medikamente genutzt. In ihren Augen sinnvoll. Bei der sogenannten grünen Gentechnik werden die manipulierten Samen ausgebracht, es gibt keine Chance, dies wieder rückgängig zu machen. Zudem haben die Anbieter ihre Versprechen nicht halten können. Die Pflanzen müssen weiterhin mit großen Mengen an Herbiziden und Insektiziden behandelt werden. Im Gegenteil: Der Aufwand an Spritzmitteln übersteigt nach vier oder fünf lukrativen Anfangsjahren sogar den der herkömmlichen Felder. Auf der anderen Seite gibt es auf Äckern mit genmanipuliertem Saatgut 40 Prozent weniger Wildpflanzen und Insekten.
Christian Reutter, der Kreisvorsitzende des Bauernverbandes Tübingen, sah es ähnlich: „Viel versprochen, wenig gehalten“, dieses Resümee ziehe sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Gentechnik. Für ihn war klar: „Technik und Wissenschaft muss uns dienen, aber nicht uns beherrschen.“ Als Landwirt stelle er sich immer die Frage, „wie sieht es aus mit dem Markt“. Und er erklärte für sich, „wir sind sehr nah dran am Verbraucher, wir können nichts produzieren, was die Leute nicht wollen“. Durch die Skandale der Vergangenheit ist Reutter vorsichtig geworden. Er listete die DDT- und Atrazin-Skandale auf und verwies auf den Ärger mit dem Nitrat im Grundwasser: „Nie war einer da, der uns in Schutz genommen hat. Jetzt verweigern wir uns erstmals einer Neuerung, und jetzt steht die Welt Kopf.“
Reutters Kollege Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Reutlingen, erklärte ebenso, sein Verband setze auf Qualität und ein Merkmal laute eben: „Wir bauen gentechnikfrei an.“ Schon bei der Begrüßung durch Erdmannhausens Bürgermeister Lutz Schwaigert gab es Beifall, als dieser sagte, alle Pachtverträge über gemeindeeigene Grundstücke enthielten eine Passage, wonach sich der Pächter verpflichtet, kein gentechnisch verändertes Saatgut auszubringen. Er bedankte sich bei der Initiative gegen Gentechnik, die die Veranstaltung auf die Beine gestellt hatte. Neben dem Kirchberger Robert Trautwein war dies auch der Unternehmer Karl Huober aus Erdmannhausen, der auch für die Moderation des Abends zuständig war. Neben den Referenten sprach ferner der Winterbacher Bürgermeister Albrecht Ulrich ein kurzes Grußwort. Der Winterbacher Gemeinderat hatte 2005 einstimmig die Kommune zur gentechnikfreien Gemeinde erklärt. Die 15 in der Gemeinde wirtschaftenden Landwirte schlossen sich der Erklärung an. Ulrich begründete diesen Schritt damit, dass die Ausweisung von Schutzzonen lächerlich sei, da die Abstände viel zu gering seien. Von der Gentechnik hält er nicht viel: „Viele Landwirte geraten in große Abhängigkeit und sind den Konzernen schutzlos ausgeliefert. Die Anbieter haben nur Profit und ihre Vormachtstellung im Sinn.“ Diese Botschaft wurde auch auf mehreren Transparenten in der Halle deutlich. So hieß es auf einem etwa: „Wer Gentechnik sät, wird Abhängigkeit ernten.“
Am Donnerstag, 29. Mai, 23.15 Uhr, wird im WDR die Dokumentation „Monsanto, mit Gift und Genen“ gezeigt.