Hochschule Nürtingen-Geislingen stoppt Genmais-Versuche
Verfasst von genfood am 10. April 2008
Nürtinger Zeitung 10.4.08
Hochschule stellt Genversuche ein
Um Schaden von der Hochschule abzuwenden, zieht sich Professor Andreas Schier freiwillig aus den Feldversuchen zurück
NÜRTINGEN. Mit einem Paukenschlag begann die Pressekonferenz, die gestern Nachmittag von der Nürtinger Hochschule (HfWU) und den Gentechnikgegnern einberufen wurde: Die Hochschule wird für die nächsten fünf Jahre die Genversuche einstellen. Professor Andreas Schier habe sich dem auf ihn ausgeübten Druck gebeugt.
SYLVIA GIERLICHS
Mit seinem Rückzug aus dem Genforschungsprojekt kommt Andreas Schier der dringenden Empfehlung der Hochschulleitung und des Hochschulrates nach, teilte die HfWU mit. Mit Rektor Werner Ziegler, Kanzler Roland Bosch, den Professoren Hansjörg Bach, Cornelia Niederdrenk-Felgner, Albrecht Müller und mit Alexander Leisner war das komplette Rektorat bei der Pressekonferenz anwesend.
Seit langer Zeit gibt es mit Herrn Schier Gespräche über den Ausstieg, sagte Ziegler, der jedoch keinen Hehl daraus machte, dass der Druck, den die Gentechnik-Gegner mit der Feldbesetzung aufgebaut hatten, mitverantwortlich für die nun gefällte Entscheidung war. In diesem Jahr und in absehbarer Zeit werde es keine Versuche mit genveränderten Pflanzen geben. In absehbarer Zeit, das bedeutet laut Ziegler in den nächsten fünf Jahren, denn so lange läuft seine Amtszeit und bis dahin könne sich die Welt auch so grundlegend verändert haben, dass eine neue Entscheidung getroffen werden müsse.
Viele verängstigte Bürger hätten Ziegler direkt angeschrieben und ihre Sorgen über die Gentechnik mitgeteilt. Er selbst und das Rektorat der Hochschule hätten auch nie Zweifel an ihrer differenzierten Haltung gegenüber dem Thema Genversuche gelassen. Wenn allerdings der Rektor oder die Hochschulleitung mit einem Projekt nicht einverstanden sind, haben sie keine Möglichkeit, dagegen vorzugehen, wies Ziegler nochmals auf die im Grundgesetz verankerte Freiheit von Forschung und Lehre hin.
nDruck auf Professor Schier wurde zu groß
Professor Schier habe Schaden von der Hochschule abwenden wollen und sich deswegen freiwillig aus den Feldversuchen zurückgezogen, betonte Ziegler nochmals. Schier, der selbst nicht bei der Konferenz dabei war, ließ schriftlich mitteilen, es gebe für ihn keinerlei fachliche oder wissenschaftliche Gründe, die ihn zum Rückzug bewogen hätten. Zu dem Druck der Hochschulleitung und des Hochschulrates seien persönliche Anfeindungen gegen ihn gekommen, die auch seine Familie beträfen. Ihnen wolle er diesen Druck nicht mehr zumuten. Schier werde sich, so Rektor Ziegler, künftig mit anderen Fragen des Pflanzenschutzes befassen.
Er erklärte weiter, man müsse nun mit der Firma Monsanto Gespräche führen, wie sich die Entscheidung auf die Verträge auswirken. Wir gehen jedoch davon aus, dass nichts zu erwarten ist. Die amerikanische Firma Monsanto, erklärte Ziegler, sei der Betreiber des Freilandversuchs, welcher vom Amt für Verbraucherschutz genehmigt sei. Die Hochschule habe dem Betreiber die Fläche für den Versuch zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der Genehmigung sei die Auflage zur Überwachung des Feldversuchs erteilt worden. Dazu seien sowohl der Betreiber als auch die Hochschule verpflichtet. Monsanto müsse dieser Verpflichtung auch nach dem Abbruch der Versuche nachkommen, so Ziegler. 35000 Euro habe Monsanto der Hochschule im Jahr 2007 bezahlt, sagte Kanzler Roland Bosch auf Nachfrage.
Total überrascht war Jochen Fritz, der mit einigen der Aktivisten vom Genfeld in die Hochschule gekommen war, um noch vor dem Pressegespräch mit der Hochschulleitung zu konferieren. Ich habe nicht daran geglaubt, dass Rektor Ziegler das so schnell durchboxt, sagte er. Er ist sich jedoch noch nicht sicher, ob Monsanto so einfach auf den Anbau verzichten werde. Simone Ott, die ebenfalls zum Bündnis der Gentechnik-Gegner gehört, sagte, sie hätte noch mit mehr Gesprächen, beispielsweise auf Stadtebene, gerechnet.
Feldversuche sehr nahe an Bioland-Hof
Froh war auch Dr. Helmut Gundert, der mit den Aktivisten zum Pressegespräch gekommen war. Der Gründer und ehemalige Geschäftsführer des Bioland-Landesverbands Baden-Württemberg war immer ein entschiedener Gegner von Professor Schiers Feldversuchen. Schrecklich war für uns, dass die Versuche in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Biolandhof stattfanden, wies er nochmals auf diesen immer umstrittenen Punkt hin. Dieter Braunmüller, Nürtinger Liste/Grüne, gratulierte Rektor Ziegler indes für seinen Schritt.
Der grüne Landtagsabgeordnete Winfried Kretschmann hatte noch am Morgen das Genfeld auf dem Hofgut Tachenhausen besucht und geäußert, die Diskussion um die Gentechnik schade dem Ansehen der Hochschule. Dass sich die Hochschule aus der Genforschung zurückzieht, kommentierte Kretschmann mit den Worten: Ein guter Tag für Nürtingen, ein schwarzer Tag für Monsanto. Letzlich sei das große Engagement der Gentechnik-Gegner und ihrer Unterstützer erfolgreich gewesen. Gespannt war Kretschmann auf die Reaktion von Landwirtschaftsminister Hauk, der noch vor einer Woche an den Versuchen in Oberboihingen strikt habe festhalten wollen.
Nürtinger Zeitung 10.4.08 Kommentar
Sylvia
GIERLICHS
Vollkommen unvorbereitet war die Hochschule, als vergangenen Freitag in einer Nacht- und Nebelaktion die Genversuchs-Gegner ihre Zelte auf dem Versuchsfeld der Hochschule aufschlugen. Entschlossen wollten sie auf dem Feld verharren, bis die Hochschule aufgibt oder eine Aussaat des Genmaises in diesem Jahr nicht mehr möglich wäre. Ja, die Aktion war illegal, aber sie bewiesen Mut, mit dem Mittel des zivilen Ungehorsams für die eigene Überzeugung einzustehen. Dass dies ohne Gewaltszenen ablief, ist der Besonnenheit beider Seiten zu verdanken.
Mut bewies auch der Rektor der Nürtinger Hochschule, Werner Ziegler. Seit September 2007 im Amt, ließ er immer wieder durchblicken, dass er mit den Feldversuchen von Professor Schier nicht glücklich sei. Sicher, der Druck, der auf der Hochschule lastete, war groß, doch mit dem Argument, dass die Freiheit der Forschung und Lehre unantastbar ist, hätte man sich auch diesmal aus der Affäre ziehen können. Indes, der Imageschaden für die Hochschule wäre erheblich gewesen. So hat man sich entschieden, das Thema Genversuche für die nächsten fünf Jahre auszusetzen. Ein Schritt, mit dem selbst die Genversuchsgegner nicht gerechnet hatten.
Mehr Offenheit hatte Ziegler bei seinem Amtsantritt versprochen. Vor allem in Bezug auf die umstrittene Gentechnik. Mit den Veranstaltungen, die im Rahmen des Studiums Generale in diesem Frühjahr stattfinden, sollte ein Anfang gemacht werden. Nun haben ihm die Aktivisten auf dem Gen-Acker ein wenig die Fäden aus der Hand genommen. Ziegler musste handeln, um Schaden von der Hochschule abzuwenden. Sein Gesicht hat er dabei nicht verloren, und Entscheidungen wie die der Universität Gießen, ihre Genversuche abzubrechen, oder der Sieg Percy Schmeisers gegen Monsanto vor einem kanadischen Gericht haben es ihm möglicherweise ein wenig leichter gemacht zu handeln.
Stuttgarter Zeitung
Hochschule Nürtingen-Geislingen stoppt Genmais-Versuche
Nürtingen – Die Hochschule Nürtingen-Geislingen für Wirtschaft und Umwelt wird ihre Freisetzungsversuche für Genmais in Oberboihingen (Kreis Esslingen) einstellen. Damit hat der seit Freitag andauernde Protest von Ökoaktivisten auf ihrem Camp Erfolg gehabt.
Jeder der Aktivisten im Protestcamp trug Gipsbinden um die Handgelenke, in die Stahlketten eingewickelt waren. Damit hätten sie sich im Notfall an ihren Kletterturm gekettet, um der Polizei die Arbeit so schwer wie möglich zu machen. Gipsbinden nehmen sie deshalb, „weil es dann nicht so weh tut, wenn sie Gewalt anwenden“, sagt Sarah Eisenhardt, eine 23-jährige Biologin. Die etwa 20 Ökoaktivisten waren entschlossen, so lange wie möglich auf dem Feld in Oberboihingen zu bleiben, um die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais zu verhindern. Der Nürtinger Professor Andreas Schier hatte mit Geld eines großen Saatgutkonzerns Freisetzungsversuche gemacht, in denen geklärt werden sollte, wie Genmais, der gegen Käfer und Pilze resistent ist, sich unter normalen Umweltbedingungen verhält.
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Dienstag wussten die Aktivisten schon, dass sie den Acker so zerstört hatten, dass der Versuch für dieses Jahr voraussichtlich gescheitert wäre. Am Mittwoch waren sie im Stucksaal der Nürtinger Hochschule zu einem Gespräch mit dem Rektor versammelt. Der Kontrast hätte nicht stärker ausfallen können: Hier die Mitglieder der Hochschulspitze in ihren blauen Anzügen, dort die Genmais-Gegner mit ihren notdürftig vom Lehm gesäuberten Kleidern und Stiefeln, Gummistiefel übrigens, die ihnen von Nürtinger Bürgern geschenkt worden waren.
Und dennoch haben diese beiden Parteien einen Konsens erzielt. Der Hochschule wird die Versuche einstellen, zumindest für die nächsten fünf Jahre. „Das ist der Zeitpunkt, über den wir verlässlich reden können“, sagt der Rektor der Hochschule Werner Ziegler. Die Hochschule selbst habe schon immer eine kritische und differenzierte Haltung gegenüber dem Projekt gehabt, ergänzte Ziegler, er machte aber auch keinen Hehl daraus, dass der wachsende Druck und zuletzt die Feldbesetzung den Ausschlag für die Entscheidung gaben. Denn die Freiheit von Forschung und Lehre, die Andreas Schier erlaube, seine Forschungsthemen selbst zu wählen, die stehe höher als die Bedenken der Hochschule.
Kritiker, besonders unter den Studenten, sagten allerdings, sie fänden es nicht in Ordnung, dass die Hochschule die Versuche von Andreas Schier jahrelang geduldet habe und ihm jetzt quasi in den Rücken fallen würde. Der Professor selbst beugt sich, wie es in einer Mitteilung heißt „dem Druck der Hochschule und der Öffentlichkeit, die nicht nur er, sondern auch seine Familie gespürt habe. Es gebe aber keine fachlichen Gründe. Unklar ist noch, ob nicht der Saatgutkonzern vertragliche Ansprüche an die Hochschule hat, aber da ist sich der Kanzler der Hochschule Roland Bosch sicher: „Wir werden demnächst das Gespräch aufnehmen, aber ich glaube, wir sind hier auf juristisch tragfähigem Boden.“
Die Ökoaktivisten, obwohl mitgenommen von den sechs Tagen auf freiem Feld, waren überglücklich, diesen Erfolg erstritten zu haben. Eine ihrer Sprecherinnen, Johanna Rehse, sagte zu, die Gruppe werde das Feld in den nächsten Tagen verlassen. Am Wochenende wollen einige Aktivisten noch einen Workshop für das Baumklettern anbieten. Einen Sport, den sie vor allem als politische Protestform betreiben.
Ulrich Stolte, aus der StZ vom 10. April 2008
Esslinger Zeitung
Hochschule stellt Genversuche ein
10.04.2008
NüRTINGEN: Projektleiter Andreas Schier gibt auf – Persönlich angefeindet
(hir) – Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) stellt ihre Genversuche ein. Professor Andreas Schier, der wissenschaftliche Leiter des Projekts, kommt der dringenden Empfehlung der Hochschulleitung und des Hochschulrats nach, das Forschungsprojekt mit gentechnisch veränderten Maispflanzen einzustellen. Zuletzt hatte am 4. April das Aktionsbündnis gegen Genmaisanbau das Versuchsfeld besetzt.
Der Hochschulleitung habe eine kritische und differenzierte Haltung gegenüber dem Projekt eingenommen. Der Rektor der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, Professor Werner Ziegler, macht keinen Hehl daraus, dass der wachsende öffentliche Druck und die Feldbesetzung auf dem Lehr- und Versuchsbetrieb Tachenhausen die nun gefasste Entscheidung beschleunigt habe. Nach wie vor gelte für die Hochschulleitung allerdings das uneingeschränkte Prinzip der Freiheit der Forschung und Lehre, erklärt Ziegler in einer Pressemitteilung. Daran habe sich nichts geändert. Ein Ende des Projekts sei daher nur mit der Zustimmung des beteiligten Wissenschaftlers möglich gewesen.Projektleiter Andreas Schier beugt sich dem Druck, der auf ihn ausgeübt worden sei: „Es gibt für mich keinerlei fachliche oder wissenschaftliche Gründe, die mich zum Rückzug bewogen haben, aber ich gebe dem Druck der Hochschulleitung und des Hochschulrats nach.“ Ihm liege der Hochschulfrieden am Herzen, so Schier. Hinzu kämen persönliche Anfeindungen, die vermehrt auch sein Privatleben und seine Familie beträfen. Diesen Druck könne er auch seinem persönlichen Umfeld nicht länger zumuten. Für den Forschungsstandort Deutschland sei diese Entscheidung allerdings ein weiterer Schlag. Rektor Ziegler betonte in einem Pressegespräch, dass er immer Verständnis für die Proteste gegen die Gentechnikprojekte gehabt habe. Gleichwohl seien Feldbesetzungen keine legalen Mittel der Auseinandersetzung. Forschung setze generell einen hohen Freiheitsgrad voraus. Selbstverständlich könne und solle man über die Forschungsarbeit unterschiedlicher Meinung sein. Forschung und Wissenschaft lebten vom Disput. „Dies ist an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt nicht anders“, erklärt Ziegler. Die Tatsache, dass auch an der HfWU unterschiedliche Meinungen zur Genforschung geäußert werden, sei exakt das, was man von einer Hochschule erwarten müsse.Wissenschaftler suchten nach Erkenntnis. Nicht selten stießen sie dabei auf Kritik oder Ablehnung. Die Freiheit der Forschung sei aber die Grundlage für jede Forschungsarbeit. Die HfWU trage dieses Prinzip in der Tat wie eine Monstranz vor sich her, verstecke sich allerdings nicht dahinter. „Die Hochschulleitung ist verpflichtet, diese Formel durchzusetzen, sie gehört zum Selbstverständnis der Hochschule und gilt für alle hier lehrenden Wissenschaftler.“ Ein Eingriff der Hochschulleitung sei nur möglich, wenn die Forschungsarbeiten gegen geltende gesetzliche Regelungen verstoßen. Dies sei hier nicht der Fall.
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