Immer mehr Landwirte in der Rhön verzichten auf gentechnisch verändertes Saatgut und Futter
Von Carsten Kallenbach
Die Felder im Biosphärenreservat Rhön sollen auch in den nächsten drei Jahren nicht mit gentechnisch veränderten Organismen bestellt werden. Ein entsprechendes Moratorium wird von den Landwirten gerade verlängert. Mit mehr als 60 000 Hektar gehört die gentechnikfreie Anbauregion Rhön zu den größten gentechnikfreien Regionen in Deutschland.
Bild: carsten kallenbach
Rhön – Die Landwirte im Biosphärenreservat Rhön verlängern ihr Moratorium aus dem Jahr 2004 und werden auch in den nächsten drei Jahren auf den Anbau gentechnisch veränderter Organismen verzichten. Mit einer landwirtschaftlichen Fläche von momentan mehr als 60 000 Hektar gehört die Rhön inzwischen zu den größten gentechnikfreien Regionen der Bundesrepublik. Ganz so viel Grund und Boden kann die Region „Zivilcourage Vogelsberg“ nicht aufbringen. Dafür gehen die Bauern hier einen Schritt weiter: Sie verzichten nicht nur auf den Anbau gentechnisch veränderten Saatguts, sondern lehnen auch gentechnisch manipulierte Futtermittel ab.
Hunderte Landwirte vereint
Die Anbauzone „Biosphärenreservat Rhön“ vereint Hunderte Landwirte aus Thüringen, Hessen und Bayern. 2004 hatten sich die Kreisbauernverbände aus Fulda (Hessen), Rhön-Grabfeld und Bad Neustadt (Bayern) sowie aus dem Wartburgkreis und dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen (Thüringen) an die Spitze der Bestrebungen gestellt, eine gentechnikfreie Region auszurufen.
„Die Rahmenbedingungen, sich erneut für eine gentechnikfreie Anbauzone einzusetzen, haben sich nicht geändert. Im Gegenteil: Auf die Landwirte hat der Druck seitens der Saatgutkonzerne eher noch zugenommen, und keine der Befürchtungen, die es gibt, wenn man gentechnisch veränderte Organismen anbaut, konnte bisher entkräftet werden“, sagt der Leiter der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates Rhön in Oberelsbach, Regierungsdirektor Michael Geier. Er wendet sich vor allem gegen die Verharmlosung von genmanipulierten Pflanzen. „Als die ersten Funde der amerikanischen Ambrosia auftauchten, einer Pflanze, die dem Beifuß zum Verwechseln ähnlich sieht, hieß es, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Heute ist in Hinsicht auf diese Pflanze nichts mehr unter Kontrolle. Sie hat bei uns keine natürlichen Feinde und verbreitet sich überall. Inzwischen weiß man, dass ihr Pollen einer der stärksten natürlichen Allergieauslöser ist. Auch bei der grünen Gentechnik hören wir immer wieder, dass alles unter Kontrolle ist. Die Natur arbeitet da aber wie das Wasser: Es findet jede Ritze, um irgendwo hinzukommen“, warnt Geier.
Für Geier ist die Verlängerung des Moratoriums mehr als eine Abwehrhaltung. „Wir positionieren uns damit als ganze Region. Und das ist eine Position, die zu uns als Rhön mit einer intakten Kulturlandschaft passt.“
Ein Drittel aller bayerischen Rhön-Betriebe hatte vor drei Jahren das Moratorium unterzeichnet. Damit galt eine Fläche von 17 824 Hektar als gentechnikfrei. Jetzt wurden die Landwirte wieder angeschrieben, ob sie auch für die nächsten drei Jahre freiwillig Nein zur Gentechnik sagen. „Und das werden sie tun, da bin ich sicher. Es gibt sogar Anzeichen, dass sich noch wesentlich mehr als 2004 unserer Bewegung anschließen“, meint Geier.
Im hessischen Landkreis Fulda hatten sich bislang 441 Haupt- und Nebenerwerbslandwirte am Moratorium beteiligt. Das entsprach einer Fläche von rund 14 000 Hektar. Bereits Ende November 2007 war diese Zahl auf 557 Betriebe gestiegen, die als gentechnikfrei geltende landwirtschaftliche Fläche damit auf fast 23 000 Hektar. „Das entspricht rund 40 Prozent. Unser Ziel liegt bei mehr als 50 Prozent, und ich bin optimistisch, dass wir das erreichen“, erklärt Eugen Sauer vom Fachdienst Landwirtschaft beim Landkreis Fulda. Auch er sagt, dass es in der Zwischenzeit keinerlei Erkenntniszuwachs gegeben habe, was die Risiken oder Chancen der grünen Gentechnik betrifft. Aus Sicht von Eugen Sauer ist der Hauptgrund für die Landwirte, sich vorerst gegen verändertes Saatgut zu wenden, die Frage der Haftung. Danach kommen eventuelle gesundheitliche Risiken und das Risiko, die Artenvielfalt zu beeinträchtigen.
Die Initiative will vor allem die Haupterwerbslandwirte überzeugen. Für Nebenerwerbslandwirte mit teils weniger als zehn Hektar Fläche seien gentechnisch veränderte Pflanzen ohnehin nicht lukrativ. Im Landkreis Fulda haben sich jetzt Landrat Bernd Woide, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Lothar Röder und Kreislandwirt Matthias Bug an die Spitze der Bewegung gestellt. Das ist für andere Landkreise außerhalb der Rhön nicht selbstverständlich.
In Thüringen hatten sich vor drei Jahren lediglich zehn Betriebe der Anbauregion angeschlossen. Doch aufgrund der großen Agrarstrukturen kam mit ihnen problemlos ein Drittel der insgesamt 60 000 Hektar zusammen. „Es ist eine lohnenswerte Sache, sich gegen die grüne Gentechnik einzusetzen. Deshalb muss diese Bewegung weitergehen“, sagt der Geschäftsführer der Landschaftspflege-Agrarhöfe Kaltensundheim, Dr. Aribert Bach. Sein ökologisch wirtschaftender Betrieb darf ohnehin weder gentechnisch verändertes Saatgut anbauen noch derartiges Futter verwenden. „Aus meiner Sicht und auch aus der vieler konventionell wirtschaftenden Landwirte stellt uns die Natur so viel Genmaterial zur Verfügung, dass wir das manipulierte gar nicht brauchen. Zweitens begeben sich Landwirte, die gentechnisch verändertes Saatgut anbauen, in eine vollständige Abhängigkeit weniger Saatgutkonzerne und der mit ihnen arbeitenden Pflanzenschutzmittelhersteller.“ Und: „Wenn der erste Skandal mit der grünen Gentechnik passiert, dann wird das wieder alleine auf dem Rücken des Landwirts ausgetragen – so wie es bei BSE gewesen ist.“ Letztlich entscheide jedoch der Verbraucher, wohin der weitere Weg führt.
Thüringen, ein weißer Fleck?
In der Bundesrepublik gibt es laut Statistik des BUND momentan 173 ausgewiesene gentechnikfreie Regionen und Initiativen mit rund einer Million Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. In Wirklichkeit liegt die Zahl höher. In Thüringen werden alleine 30 000 Hektar so bewirtschaftet. „Allerdings gelten wir nicht als gentechnikfreie Region, weil die Flächen nicht zusammenhängen. Wir haben zwar deutlich mehr Fläche als im hessischen oder bayerischen Teil des Biosphärenreservates, aber eben aufgrund der Struktur große Lücken dazwischen“, nennt Dr. Frank Augsten vom „Aktionsbündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft in Thüringen“ ein Definitionsproblem, das sich die Gegner der Gentechnik selbst auferlegt haben. Daher erscheint Thüringen als weißer Fleck auf der Übersichtskarte. Bayern wirbt dagegen mit 42 Regionen und Initiativen; Baden-Württemberg mit 24.
Eine Art deutschen Vorbildcharakter trägt die Region „Zivilcourage Vogelsberg“, die sich inzwischen über zwölf Dörfer und Städtchen des hessischen Vogelsbergkreises erstreckt und 52 Initiativen mit 182 Landwirten vereint. Momentan gelten hier 11 295 Hektar als gentechnikfrei. Der Vorbildcharakter der „Zivilcourage“ liegt in seinem konsequenten Nein gegen die grüne Gentechnik, das den Verzicht auf gentechnisch manipulierte Futtermittel einschließt. Im März 2007 wurde eine Einkaufsgemeinschaft gegründet. Mit 3850 Tonnen Futter ist sie binnen eines Dreivierteljahres zu einer der größten Einkaufsgemeinschaften dieser Art in der Bundesrepublik geworden. „Mittlerweile fragen bei uns auch Landwirte aus der Rhön und aus der Region Kassel gentechnikfreies Futter nach“, sagt Landwirt Dr. Peter Hamel aus Storndorf. Er war der Erste, der vor zwei Jahren eine Selbstverpflichtungserklärung unterzeichnete, komplett auf Gentechnik zu verzichten.
Der Auslöser war ein Patentanspruch für Schweine seitens des amerikanischen Monsanto-Konzerns, der weltweit rund 90 Prozent aller Patente für gentechnisch veränderte Saaten innehat. Dr. Peter Hamel ist Schweinezüchter und hält das recht seltene Schwäbisch-Hessische Schwein. „Diese Rasse wäre von dem Patentanspruch betroffen. Deshalb habe ich mich intensiv mit der Gentechnik befasst, habe fachkundige Argumente gesammelt, bin von Hof zu Hof gezogen und habe meine Kollegen überzeugen können. 2006 war Storndorf gentechnikfrei“, berichtet er. Schnell traten Landwirte aus den umliegenden Orten der Initiative bei. „Der größte Nachteil der Agrogentechnik liegt darin, dass sie nicht wieder zurückgeholt werden kann, wenn sie einmal freigesetzt wurde. Bei der Atomkraft gibt es eine Halbwertzeit. Die Radioaktivität baut sich ab. Bei der grünen Gentechnik haben wir aber Verdopplungszeiten. Die Vermehrung geht immer weiter“, sagt Hamel.
Dr. Peter Hamel geht noch immer von Hof zu Hof. Mittlerweile hat er viele wissenschaftliche Gutachten gelesen, die ein düsteres Bild von der Gentechnik zeichnen. Beispiel Soja. Gen-Soja sei nur scheinbar billiger. „Doch sie hat einen niedrigeren Proteingehalt als gentechnikfreie. Also muss der Landwirt mehr füttern, um den gleichen Effekt zu erzielen. Unter dem Strich kommt er nicht billiger weg. Und es gibt Hinweise, dass die Krankheitsanfälligkeit der Tiere steigt. Es ist also ein Teufelskreis, aus dem niemand mehr herauskommt“, warnt der Landwirt.
Das Bestreben, ein Ausbreiten der grünen Gentechnik zu verhindern, stellt die größte landwirtschaftliche Basisbewegung der letzten Jahre dar. Zu dieser Einschätzung gelangt der BUND auf seiner Internetseite www.gentechnikfreie-regionen.de. „Allerdings ist dieser Widerstand auch notwendig, denn der Anbau veränderter Organismen steigt in Deutschland Jahr für Jahr rasant an“, sagt Hamel. 2005 waren es 341 Hektar, 2006 rund 950 Hektar. Im letzten Jahr gab es – nach der Zulassung von drei gentechnisch veränderten Maissorten – einen Sprung auf 2685 Hektar. Die Hälfte der Anbaufläche liegt in Brandenburg, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (24 Prozent), Sachsen (21) und Sachsen-Anhalt (4). In den Bundesländern Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern liegt der Anteil unter einem Prozent, in Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein unter 0,1 Prozent. Im Saarland sowie in Berlin, Bremen und Hamburg werden bislang keine veränderten Saaten angebaut.
Pollen wird weit transportiert
Das größte Risiko für die Natur und den Menschen sieht Michael Geier beim gentechnisch veränderten Raps. „Sein Pollen verbreitet sich über große Distanzen und kreuzt sich aus.“ Der weltweit bisher längste Praxisversuch gibt seinen Bedenken recht. Er zeigt, dass in den Feldern mit Gen-Raps und Zuckerrüben Insekten und Wildpflanzen signifikant abnehmen. Von Bienen wurde der Pollen bis zu 26 Kilometer entfernt transportiert – das ist achtmal weiter als bisher von der Wissenschaft angenommen.





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